Ein Mann, den(r) viel bewegt

Burckhardt Hölscher (rechts) mit Emmanuel Boango, der im Rahmen des Partnerschaftsprojektes Kongo momentan in der Gemeinde Letmathe tätig ist (Foto: Annabell Jatzke, Februar 2020)

Pfarrer Burckhardt Hölscher ist ein vielseitig engagierter Mensch: als Gemeindepfarrer und auf Kirchenkreisebene, in der Friedensbewegung, für den Umweltschutz und heimatverbunden „für die Letmather Seele“ – Burckhardt Hölscher bewegt Vieles und er hat in seinem Berufsleben auch viel bewegt: 2007 die „(Fahrrad)-Tour der Erinnerung und Versöhnung – Ein Brückenschlag in Europa“ in die gemeindliche Partnerstadt Swidnik/Streckenbach; bei dem Partnerschaftsprojekt „Wo Kirche Hoffnung heißt“ der Kirchenkreise Boende und Lofoy im Kongo und dem Evangelischen Kirchenkreis Iserlohn“ war er ein Mann der ersten Stunde; die Europa-Tage; sein Einsatz für die  Sichtbarkeit der Kirche im Öffentlichen Raum; die Stolperstein-Verlegung zum Gedenken an die Reichspogromnacht; das Jubiläum „70 Jahre Frieden in Letmathe“; Angebote für junge Familien nach dem Motto „Belonging before Believing“ in Haus Nordhelle; Jugendfreizeiten in den europäischen Norden und der Aufbau einer umfangreichen Netzwerkarbeit sind neben seinem großen Engagement für seine Gemeinde nur einige wichtige Meilensteine seines Berufslebens. Im Evangelischen Kirchenkreis Iserlohn war er 15 Jahre lang Mitglied des Kreissynodalvorstandes: 3 Jahre als Scriba, 12 Jahre als Synodalassessor; er hat sogar für das Amt des Superintendenten kandidiert.

Seit seiner Anstellung 1984 ist Burckhardt Hölscher in der Letmather Friedenskirche tätig und wurde auch hier ordiniert. Bis heute fühlt er sich mit seiner Gemeinde eng verbunden. Er bezeichnet sich selbst als „Verfechter einer Gemeindekirche“. „Da fühle ich mich beheimatet, da schlägt mein Herz und so soll’s auch bleiben.“ So hat er sich in unserer presbytorial-synodal verfassten Kirche für Selbstbewusstsein und Eigenständigkeit der Gemeinden vor Ort eingesetzt – natürlich verbunden mit der Verantwortungsübernahme für die finanzielle Ausstattung. „Die Menschen brauchen eine vertrauensvolle, heimatliche Geborgenheit vor Ort.“ Hier sieht der heimatbewusste Pfarrer auch eine entscheidende Aufgabe der Kirche.
Auch in dem ursprünglich katholisch geprägten Letmathe spielt der Begriff „Heimat“ eine große Rolle: „Unsere Gemeinde ist erst durch die vielen Vertriebenen und die Flüchtlinge nach dem 2. Weltkrieg groß geworden. Dadurch hat die Friedenskirche 1957 auch ihren Namen erhalten.“ Anlässlich des 50jährigen Bestehens wurde 2007 die gemeinsame Geschichte im Rahmen der Festschrift „Erinnern und Versöhnen – Die Letmather Friedenskirche und die Vertriebenen“ noch einmal aufgearbeitet.

Ursprünglich war Burckhardt Hölscher Fußballer: „Fußball öffnet Tore und Herzen, Menschenliebe durch Mannschaftssport“, beschreibt er begeistert seine Erinnerungen. Nicht nur hier lernte er, auf Menschen zuzugehen, Verständnis für den einzelnen zu entwickeln und ihn mit seinen individuellen Eigenarten anzunehmen. So hat er seine „Bodenständigkeit“ entwickelt, wie er es nennt und beschreibt sich selbst als „wertkonservativen Menschen“ – wertkonservativ im Sinne von nachhaltig, nicht altmodisch. Denn der aus einem Pfarrhaushalt stammende, gebürtige Ostwestfale ist in mancher Hinsicht eher modern aufgewachsen. Von seinen Eltern spricht er mit großer Wärme und Dankbarkeit. Sein Vater, geprägt vom Pietismus der Minden-Ravensberger Erweckungbewegung, hat bereits früh erkannt, dass die Kirche auf Veränderungen reagieren und sich auf die Bedürfnisse der jungen Menschen einstellen muss, um sie nicht zu verlieren. So konnte der jugendliche Burckhardt Hölscher Schlagzeug im Gottesdienst spielen – zur damaligen Zeit ein großer Durchbruch! Vor allem aber durfte er alle Fragen stellen, die ihn bewegten. Und als wissbegieriger, typischer Nachkriegsjunge, der immer schon alles gern überdachte, hatte er viele Fragen!


Seine erste prägende politische Erfahrung war die große Hoffnung, die der Prager Frühling auslöste, und seine Zerschlagung durch den Warschauer Pakt. Der Kalte Krieg, aber auch die Umweltarbeit in Zeiten von Tschernobyl und der Anti-AKW-Bewegung und der Konziliare Prozess für Gerechtigkeit, Frieden und Bewahrung der Schöpfung, haben den jungen Mann stark geprägt und in ihm ein tief verwurzeltes Streben nach Versöhnung geweckt. So hat er auch seinen zweijährigen Dienst bei der Bundeswehr als Friedensdienst verstanden; ebenso sein einjähriges Vikariat in Paris. Der Vergleich mit der Kirche in Frankreich hat ihm einen neuen Blick auf die heimische Situation eröffnet: „Was haben wir für Möglichkeiten, im Öffentlichen Raum zu wirken – das ist ein großes Gut. Wir sollten es wahrnehmen!“

Sein Theologiestudium in Bethel, Erlangen und Münster empfindet Burckhardt Hölscher auch heute noch als großes Geschenk. Sachverhalten auf den Grund zu gehen, die Auseinandersetzung mit Gedankengut der Erlanger Theologie aus der Zeit des Nationalsozialismus einerseits und der Barmer Theologischen Erklärung, die ihn selbst stark prägte, andererseits, gute Lehrer, „die Schönheit der christlichen Hoffnungs- und Versöhnungs-Theologie, auch Martin Luthers, zu entdecken“ – all das hat die Studienzeit zu einer der besten seines Lebens gemacht.

Hinsichtlich seiner theologischen Einstellung und seines beruflichen Praxisverständnisses haben ihn zwei Männer in besonderer Weise geprägt: Hartmut Ebmeier, sein junger Mentor während der zweijährigen Vikars-Ausbildung in Herscheid, war ein Praktiker und bildete zu dem nach dem Studium ein wenig verkopften Denker eine gelungene Ergänzung: „Er hat mir gezeigt, worauf es in der Gemeindearbeit ankommt: Menschennähe, Angebote machen, Jugendarbeit.“ Und das hat Burckhardt Hölscher bis zum Schluss verinnerlicht. Superintendent Dr. Ottbrecht Weichenhan war ihm als Theologe ein großes Vorbild, mit dem ihn eine respektvolle und freundschaftliche Beziehung verband.

Die Wirksamkeit eines selbstbewussten und sichtbaren Auftretens prägte sein persönliches Verständnis von Kirche: „Wir sind die Evangelische Kirche und das sollen wir zeigen, auch im Öffentlichen Raum. Das müssen wir leben!“ Wer ihn hört, spürt die Leidenschaft, die noch immer für so viele Dinge brennt: Für die Menschen, den Glauben, seine Gemeinde und ihre heimatliche Umgebung, die Bewahrung der Schöpfung und vor allem für Frieden und Versöhnung.
„Versöhnen statt Spalten – so habe ich gelernt, wie wichtig Partnerschaft ist.“ Es ist ihm ein Anliegen, Kirche als Vertrauens- und Hoffnungsgemeinde zu leben, ohne Zwangs- oder Herrschaftssystem – was heute ohnehin nicht mehr möglich wäre. „Brücken bauen zu anderen Menschen: Vordergründiges trennen, Schuldzuweisungen überwinden, die durch das Evangelium durchbrochen worden sind.“ So entstand die Idee zur Partnerschaftsarbeit. Er hält seit 1989 den Vorsitz des Partnerschaftsausschusses Kongo inne. Im Jahr 2019 hat er zuletzt, gemeinsam mit der Superintendentin Martina Espelöer und einer Delegation des Evangelischen Kirchenkreis Iserlohn, die Kirchenkreise Boende und Lofoy besucht, um die Arbeit vor Ort zu unterstützen und das Verständnis füreinander zu stärken. Im Ruhestand möchte er sich hier weiterhin engagieren, auch durch die Begleitung der Familie Boango.

Burckhardt Hölscher war schon immer ein Mann der klaren Worte: „Natürlich hatte ich auch mal den Kaffee auf.“ Der ständige Druck permanenter Verfügbarkeit und defizitärer Gedanken, wenn Gespräche nicht immer gut gelingen, man auch Menschen verliert; die stetige Sorge, der Familie nicht gerecht zu werden, von der er mit großer Wärme spricht; nie wirklich frei zu haben – all dies belastet viele Pfarrerinnen und Pfarrer. Und doch ist Burckhardt Hölscher dankbar für seine mehr als 35 Beruf(ung)sjahre im Evangelischen Kirchenkreis Iserlohn, für die große Kontinuität – und für die „Gnade der Begrenztheit“, wie er es schmunzelt formuliert. „Wir können das Leben nicht im Griff haben und wir müssen es auch nicht!“ Sich weg zu bewegen von der totalen Durch-Ökonomisierung der Gesellschaft, von Wachstums- und Wettbewerbswahn und dem ständig gefühlten Zwang zur Optimierung, hin zu einem neuen Verständnis von Freiheit und Miteinander, ist ihm wichtig.

Seit dem 30. April ist Pfarrer Burckhardt Hölscher offiziell im Ruhestand. Aber Loslassen fällt einem verantwortungsbewussten Mann wie ihm schwer, wenn noch kein Nachfolger vor Ort ist, dem man die Arbeit vertrauensvoll übergeben kann – besonders in der momentanen Corona-Situation. Das Wohl der ihm anvertrauten Menschen liegt ihm nach wie vor am Herzen. Für deren Mitarbeit und großes Engagement in den über 35 Berufsjahren ist er zutiefst dankbar. Seine ursprünglich für den 21. Juni geplante Verabschiedung musste durch die Corona-Situation verschoben werden. Denn eine Feier ohne Menschen ist nichts für Burckhardt Hölscher.
Voraussichtlich wird sie am 4. Oktober, gemeinsam mit Superintendentin Martina Espelöer, in gebührendem Rahmen nachgeholt werden – natürlich in der Friedenskirche Letmathe – wo auch sonst.

 

 

 

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