Wir vergessen nicht!
Superintendent Oliver Günther spricht bei Gedenkveranstaltung am 9. November
Mit einer Gedenkveranstaltung wurde in Iserlohn am Sonntag, 9. November, an die Schrecken der Reichspogromnacht 1938 erinnert. Am Gedenkstein für die Synagoge an der Mendener Straße (Ecke Karnacksweg) wurde die Veranstaltung mit Ansprachen von Bürgermeister Michael Joithe und Superintendent Oliver Günther eröffnet. Anschließend wurde eine Totenehrung nach jüdischem Ritus durchgeführt, bevor die Teilnehmenden schweigend durch die Innenstadt gingen.
Der Beitrag von Superintendent Oliver Günther:
Wir vergessen nicht. Der 9. November ist ein schicksalhaftes Datum in der deutschen Geschichte und erinnert uns auch an die dunkelsten Kapitel unserer Geschichte. Wir vergessen nicht. Wir dürfen nicht vergessen!
Die Erinnerung an das, was war, und die Verantwortung, die daraus erwachsen ist für das, was ist, genauso wie für das, was sein wird – diese aus der Erinnerung erwachsene Verantwortung bleibt. Für immer! Sie begleitet uns heute und nimmt uns auch für die, die nach uns kommen, in die Pflicht.
15 Jahre, nachdem die Nationalsozialisten 1933 die Macht errungen hatten, verübten sie in der Nacht vom 9. November 1938 ein Pogrom an der jüdischen Bevölkerung. 267 Synagogen und mehr als 7.000 jüdische Geschäfte wurden in Brand gesetzt und geplündert. 91 Menschen wurden getötet und zigtausende in Konzentrationslager verschleppt. Mit den Gewaltaktionen dieser Nacht schlug die seit 1933 praktizierte Diskriminierung von Jüdinnen und Juden in Deutschland in eine systematische Verfolgung um, die die Vernichtung zum Ziel hatte und in den Gaskammern von Auschwitz endete. Am 9. November 1938 zeigte sich die Bestialität, zu der extremistische Verblendung Menschen fähig macht.
So ist der 9. November für uns auf immer mit der Shoah verbunden – mit schändlichsten Gräueltaten der Menschheitsgeschichte. Für uns ist klar, dass sich aus dieser Geschichte, aus den damals begangenen Verbrechen des Nationalsozialismus, für das freiheitliche, demokratische Deutschland eine besondere Verantwortung ableitet.
Es ist unsere bleibende Verantwortung, jüdisches Leben in Deutschland zu schützen. Es ist unsere Verantwortung, für den Staat Israel als sicherer Zufluchtsort für Jüdinnen und Juden einzustehen. Es ist unsere Verantwortung, für das friedliche Miteinander von Menschen aller Religionen und Kulturen in Deutschland einzutreten. Zu dieser Verantwortung bekennen wir uns uneingeschränkt. Niemand kann uns in der Verbundenheit dieser Verantwortung auseinandertreiben.
Wir stehen zusammen! Jetzt, heute, morgen und übermorgen! Wir stehen zusammen für Demokratie und Frieden. Wir stehen zusammen für das, was unser Grundgesetz als Lehre aus der Geschichte für alle Zukunft festgelegt hat: Die Würde jedes Menschen ist unantastbar.
Auch im Lichte des barbarischen Angriffs der Hamas gegen Israel am 7. Oktober 2023 bekennen wir uns zu dieser Verantwortung. Die brutalen Gewalttaten der Hamas sind auf das Schärfste zu verurteilen.
Klar ist allerdings auch: Frieden wird es nur geben, wenn die Gewalt endet. Frieden kann es nur geben, wenn sich die Menschheit auf das zurückbesinnt, was ihr von Anfang an mitgegeben wurde: Menschlichkeit.
Wir verurteilen in aller Klarheit den aufflammenden Antisemitismus auf deutschen Straßen. Es ist inakzeptabel, wenn der Terror der Hamas auf unseren Straßen bejubelt oder auch nur relativiert wird. Es ist unerträglich, dass 87 Jahre nach der Reichspogromnacht Jüdinnen und Juden in Deutschland wieder Grund haben, den Gang auf die Straße zu fürchten, dass sie Sorge um ihre Kinder in Kindergärten und Schulen haben. Nicht weniger inakzeptabel ist der Antisemitismus, der nicht auf die Straße geht, aber in der Mitte unserer Gesellschaft bestand und besteht. Antisemitismus, ganz gleich in welcher Form, darf in Deutschland keinen Platz haben. Nirgendwo. An keinem Ort. Nie wieder! Ihm, wo auch immer er auftritt, entschieden entgegenzutreten, ist Aufgabe und Verpflichtung aller Menschen in unserem Land. Dafür stehen wir hier und heute zusammen. Wir vergessen nicht!
Wir müssen in diesen schwierigen Zeiten unter Beweis stellen, dass sich Deutschland seiner historischen Verantwortung bewusst ist und bleibt und entsprechend handelt. Die Zivilgesellschaft muss es zeigen. Der Staat muss es zeigen. Die Kirchen und Religionsgemeinschaften müssen es zeigen. Wir stehen zusammen für Mitmenschlichkeit und Respekt. Für Achtung und die Unantastbarkeit menschlicher Würde.
Die Vergangenheit vergeht nicht. Die aus der Vergangenheit geborene Verantwortung nimmt uns heute in die Pflicht, morgen nicht vergessen zu haben, was uns eint und verbindet und eben auch zugleich verpflichtet: Die Würde jedes Menschen ist unantastbar. Wir vergessen nicht! Im Gedenken bleiben Erinnerung und Verantwortung lebendig.
Die Mahnwache ist eine gemeinsame Aktion der Stadt Iserlohn, der Ratsmitglieder und des Friedensplenums. Sie soll ein Zeichen setzen für Toleranz und Mitmenschlichkeit.







