Und sie fanden Raum in der neuen „Herberge“
Heute hieß es Abschied nehmen. Was auch immer im Gemeindezentrum Geisecke-Lichtendorf am Buschkampweg in Schwerte in den vergangenen Wochen stattfand, es geschah zum letzten Mal. An Weihnachten das Krippenspiel, am Altjahresabend der letzte offizielle Gemeindegottesdienst mit den ehemaligen Pfarrern, Pfr. i.R. Manfred Wuttke und Pfr. i.R. Klaus Johanning und heute am Sonntag der Gottesdienst mit Pfr. Hartmut Görler zur Entwidmung der Kirche.
Viele waren gekommen, um nach Jahrzehnten den Ort ihres Gemeindelebens miteinander auf- und abzugeben. Der Ort ihrer tiefen persönlichen Erfahrungen, des gemeinsamen Erlebens von göttlicher Zusage und Feier, von Taufen, Trauungen, Trauer und Neubeginn, von Zusammenhalt und vieler bunter und fröhlicher Feste.
„Ich hebe meine Augen auf zu den Bergen. Woher kommt mir Hilfe?“ (Ps. 121)
Viele ehemalige und heute in der Gemeinde Aktive konnte Pfr. Hartmut Görler begrüßen und er sagte: „Diese Entscheidung ist schmerzlich, für Sie und für uns, die wir diese Entscheidung treffen mussten. Aber wir müssen verantwortlich mit den Ressourcen umgehen, die wir noch haben, um den Menschen nach uns die Chance zu geben, noch Kirche zu erleben. Vielen Dank, dass Sie sich in den letzten Jahren so sehr für unsere Gemeinde eingebracht haben. Vielen Dank, dass Sie sich mit uns zusammen auf andere Wege begeben in der Hoffnung, dass Gottes Wort auch zukünftig verkündet und gelebt wird.“
Auch Superintendent Pfr. Oliver Günther war gekommen. Im Bewusstsein aller Wehmut und Trauer um den Verlust, hatte er der Gemeinde in seinem Grußwort den Dank an alle verantwortlich Mitwirkenden für den mutigen und hoffnungsvollen Weg in eine neue Zukunft mitgebracht. Trotz der Aufgabe von Gebäuden, des Rückgangs der Gemeinden und der finanziellen Einschnitte, sei die Kirchengemeinde Schwerte und besonders hier vor Ort eine Vorbildgemeinde im Aufbruch in eine andere, aber von Gott getragene Zukunft.
Die begann hier in Geisecke-Lichtendorf vor fast 100 Jahren.
Pfr. i.R. Manfred Wuttke hat die Geschichte in einem Artikel festgehalten, aus dem die folgenden Erinnerungen aufgegriffen sind. In den Jahren 1927/28 wurde das Gemeindehaus gebaut. Da die Gemeinde wuchs wurde es Anfang der 60er Jahre ausgebaut. Im Jahr 1973 kam das Pfarrhaus zwischen Gemeindehaus und Friedhofskapelle dazu, das mittlerweile an eine Privatperson verkauft ist. Über die Jahrzehnte fanden hier nicht nur Gottesdienste statt. Unterschiedliche Gemeindegruppen haben sich getroffen und das Haus und sein Umfeld mit vielfältigem Leben erfüllt.




„Guter Gott, strecke deine Hand aus. Wir wollen unsere Erinnerungen dort hineinlegen.“ (Gebet)
Um diese noch einmal ins Bewusstsein zu rufen, bat Pfr. Hartmut Görler in diesem Gottesdienst die Gemeinde von ihren Erfahrungen und ihrem Leben in und mit der Gemeinde zu berichten. Einige standen auf und konnten von den Kindergottesdiensten mit besonderen Aktivitäten, dem Elternkreis mit Vorträgen und Gesprächen, der Jugendarbeit und -freizeiten, in denen sich verschiedene Presbyter ehrenamtlich engagierten, berichten. Jugendliche wurden hier auf ihre Konfirmation vorbereitet. Vor allem die Frauenhilfen hielten nicht nur ihre Versammlungen hier ab, sondern waren bei vielen Anlässen eine tragende, unterstützende Kraft. Die Kirchenmusik hatte einen hohen Stellenwert und die Proben des Kirchen- und Posaunenchors erfüllten die Räume mit ihren Klängen. Das Gemeindezentrum, ein Ort voller Ehrenamt und Leidenschaft, für viele ein geistliches Zuhause, konnte durch das finanzielle Engagement eines Fördervereins auch in den letzten Jahren als beliebter Treffpunkt erhalten bleiben. Mal Kaffeestübchen, mal Biergarten, hier trafen sich Mitglieder der Kirchengemeinde mit Nichtmitgliedern aus Geisecke und Umgebung. Pfr. i.R. Manfred Wuttke erinnerte am Schluss an die Flüchtlingsarbeit, die hier im Gemeindehaus mit Kirchenasyl und Begegnungscafé einen besonderen Akzent gesetzt hatte.
„Wir sind traurig darüber, dass immer Menschen deine Kirche verlassen“ (Gebet)
Doch wie in vielen Gemeinden hat sich auch hier das Bild verändert. Nach und nach haben sich immer mehr Gemeindegruppen verabschiedet. In der gesamten Kirchengemeinde Schwerte ist dieser Wandel zu spüren. Weniger Geld, steigende Kosten und ein schrumpfendes Team von Haupt- und Ehrenamtlichen. Als Konsequenz muss sich die Kirchengemeinde kleinersetzen, um für die Zukunft gut aufgestellt zu sein.
„Meine Hilfe kommt vom HERRN, der Himmel und Erde gemacht hat.“ (Ps. 121)
Es ist die Geschichte aus Josua 1, in der die Israeliten am Übergang des Jordans stehen, um in eine neue Zeit mit veränderten Vorzeichen zu gehen, die Pfr. Görler in seiner Predigt zum Abschied und Neubeginn der Gemeinde aufgreift. So stark die Erinnerungen sind, so gibt es doch kein Zurück. Doch der nächste Schritt nach vorn ist einer über eine Schwelle der Unsicherheit und gleichzeitig in eine Zukunft, getragen von Hoffnung. Denn es gibt für die Gemeinde eine Zukunft, die in der Gemeinschaft der Nutzung der kath. Kirche St. Antonius in Geisecke liegt. Deshalb kann Pfr. Hartmut Görler sagen: „Nur noch wenige Minuten. Dann schließt sich zum letzten Mal die Tür des Gemeindezentrums hinter ihnen. Nur noch wenige Augenblicke, dann machen sie sich auf den Weg vom Oberdorf ins Unterdorf, vom Buschkampweg zur Straße Am Brauck. Von Trauer erfüllt und einer vorsichtigen Hoffnung.“ Und er sagt auch der Gemeinde Gottes Worte der Bibel zu: „Sei getrost und unverzagt. Lass dir nicht grauen und entsetze dich nicht; denn der HERR, dein Gott, ist mit dir in allem, was du tun wirst. Ja, ich sage es noch einmal: Sei mutig und entschlossen! Lass dich nicht einschüchtern und hab keine Angst! Denn ich, der HERR, dein Gott, stehe dir bei, wohin du auch gehst.“
„Siehe, der Hüter Israels schläft noch schlummert nicht.“ (Ps. 121)
Und wie zu einer Besiegelung und Bestätigung, dass Gott selbst mit ihnen geht, feiert die Gemeinde im Anschluss an die Predigt ihr letztes Abendmahl in diesem Haus, bevor einzelne liturgische Gegenstände für den Weg in die neue „Herberge“ vorbereitet werden. Es ist der Posaunenchor der Gemeinde und des CVJMs, der unter der Leitung von Ewald Wohlfarth mit dem Stück Benediktion von Peter Lutkin den instrumentellen Segen auf den Abschied legt. Gemeinsam mit der Orgel, seit Jahrzehnten von Ingo Dressler gespielt, haben sie den Gottesdienst musikalisch bereichert und die Lieder begleitet.
„Der HERR behüte deinen Ausgang und Eingang von nun an bis in Ewigkeit!“ (Ps. 121)
Dann beginnt der Auszug der Gemeinde mit der Altarbibel, dem Abendmahlskelch und der Taufkerze, begleitet von den Posaunen mit der ‚Festlichen Intrade‘ von Thomas Riegler. Ein Autocorso anstelle einer Prozession, die dem Wintereinbruch zur Folge abgesagt ist, fährt hinab zur Kirche St. Antonio, in der eine Abordnung der Kath. Kirchengemeinde die Geschwister im Herrn freudig begrüßt. Die ev. Bibel, der Kelch und die Kerze finden auf dem Altar ihren Platz, an dem nun ab dem 11. Januar 2026 regelmäßig ein ev. Gottesdienst gehalten wird.
Pfr. Guido Bartels, Gemeindepfarrer der Katholischen Kirchengemeinde St. Antonius, heißt die Gemeindeglieder in seinem Grußwort herzlich willkommen. Ein schönes und zukunftsverheißendes Zeichen ist dann die Schlüsselübergabe durch Herrn Martin Krehl von der katholischen Kirchengemeinde an die Presbyterin Kornelia Henze, denn nun stehen der Gemeinde die Türen sinnbildlich offen. „Guter Gott, du kannst es schenken, dass die St. Antonius Kirche ein Zuhause auch für uns evangelische Christinnen und Christen werden kann. Danke für die Gastfreundschaft, die wir erleben. Danke, dass die evangelischen und katholischen Christinnen und Christen Schwestern und Brüder sind und zu Deiner großen Familie gehören“, betet Pfr. Hartmut Görler und bittet zum Abschluss gemeinsam mit seinem Amtsbruder Pfr. Guido Bartels Gott um den Segen für den nun gemeinsamen Weg in der neuen „Herberge“, der aber in dem guten ökumenischen Austausch schon über Jahre besteht.
Und das verlassene Gemeindezentrum?
Zurzeit überplanen die Diakonie Mark Ruhr und das Schwerter Netz in Zusammenarbeit mit dem Architekturbüro Bornemann die Räumlichkeiten. Es steht immer noch die Idee im Raum, in Geisecke eine stationäre Einrichtung für 12 Kinder oder Jugendliche zu errichten.
Text und Foto: Bernhard Laß




