Abschied und Neuanfang. Von der Dorfkirche zum Dorfgemeinschaftshaus
Es ist ein Tag, wie für den November gemacht. Tief hängen die Wolken, Nieselregen, nebelig-grau. Heute ist der Tag der Entwidmung der Auferstehungskirche in Dahlsen, den die Christus-Kirchengemeinde mit einem Gottesdienst begeht.
„Herr ich komme zu DIR, und ich steh vor DIR, so wie ich bin.“
Mit ernsten Gesichtern kommt die Gemeinde zusammen. Abschied wiegt schwer. Eine 60jährige Gotteshaus-Geschichte geht zu Ende. Soll man nun traurig sein oder sich doch über den Akt der Transformation von der Dorfkirche zum Dorfgemeinschaftshaus freuen?
Gut ein Jahr des Ringens, der Beratungen und der Gründung des Fördervereins „Dorfgemeinschaftshaus Kesbern“ ist seit der Gemeindeversammlung in Dahlsen vergangen. Nun ist die Kirche verkauft. Pfr. Bernd Neuser ist froh, dass so viele aus den Ortsteilen Kesbern, Dahlsen und dem Grüner Tal gekommen sind, um sich von der Auferstehungskirche zu verabschieden. Aber sie sind auch da, um ihren Fortbestand in neuer Aufgabe zu begrüßen.
„Denn Gott hat uns nicht den Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit“, sagt Pfr. Bernd Neuser in seiner Begrüßung. Denn heute gelte es Abschied zu nehmen mit Respekt vor allem, was dieses Gebäude für die Menschen hier im Außenbezirk der Stadt über fast 60 Jahre gewesen ist. Und Pfr. Bernd Neuser macht deutlich, Gott zieht nicht mit der Entwidmung aus der Kirche aus, und die Christus-Kirchengemeinde besteht mit ihren zwei weiteren Kirchen weiter. Denn „der Höchste wohnt nicht in Tempeln, die mit Händen gemacht sind“, sondern in einem jeden, der und die zur Gemeinde gehört. Und das soll auch in Zukunft der Grundstein sein.




„Alles, was mich bewegt, lege ich vor DIR hin.“
Es ist Doris Graewe, die Leiterin der hiesigen Frauenhilfe, die durch den Mittelgang nach vorne zu den Altarstufen kommt und während sie dort Platz nimmt, ihre Erlebnisse, Gedanken, ihre Dankbarkeit und Hoffnung stellvertretend für wohl viele erzählt. Erinnerungen an ein mit Leben gefülltes Haus. Familien- und besondere Gottesdienste, zu Weihnachten und Ostern, Trauungen und Taufen, aber auch Trauerfeiern und Beerdigungen ruft sie für alle noch einmal wach. Und fragt: „Ist jetzt mit allem und dem Gebäude Schluss? Ist es ein Abschied für immer?“ Und gibt die Antwort gleich mit dazu. „Nein, kein Abschied. Das Haus wird stehen bleiben, ein mit Leben erfülltes Haus für die Gemeinschaft sein, in dem auch Kirchliches seinen Platz behalten soll!“ Dass dies möglich wurde, ist den vielen Menschen zu verdanken, die zahlendes Mitglied im Förderverein geworden sind und ehrenamtlich und aktiv die Neuausrichtung gestalten. Auch dafür soll an diesem Tag der Segen Gottes erbeten werden.
„Voll Vertrauen will ich auf DICH schauen. Herr ich baue auf DICH.“
Es war der doch recht abgelegene Friedhof, hier in Dahlsen, der den Bau dieser Kirche ermöglicht hat. Daran erinnerte Pfr. Bernd Neuser in seiner Predigt. Die Trauerzüge auf der vielbefahrenen Talstraße zum städtischen Friedhof wurden aus Sicherheitsgründen verboten.
Und so machten sich die Einwohner aus Kesbern, Dahlsen und Umgebung daran, mit Spenden und viel ehrenamtlicher Eigenleistung die Kirche neben dem Friedhof vor 60 Jahren zu erbauen. Die soll auch in Zukunft als Dorfgemeinschaftshaus für Beerdigungen und besondere Gottesdienste zur Verfügung stehen, zu denen auch die Glocken läuten werden. Und auch die Frauenhilfe behält hier ihren angestammten Platz für ihre Versammlungen.
Schon das Volk Israel hat erlebt, wie Gott es auf seinen Wegen aus Ägypten bis hin ins Exil begleitet hat. „Gottes Gegenwart lässt sich in keinem Raum einfangen. Er ist größer als der Glanz jeden Tempels und jeder Kirche“, sagt Pfr. Bernd Neuser und lädt die Gemeinde ein, zu den Gottesdiensten in die Brunnen- und Christuskirche zu kommen. Denn ein Gottesdienst stärkt, tut gut und weitet den Blick, auch für den Neuanfang in diesem Haus, das für die Bedürfnisse der Menschen offenbleiben und für sie ein guter Ort sein will. „Auch wenn wir als verfasste Gemeinde die Kirche entwidmen, Gott zieht nicht aus, aus dem Grüner Tal.“
„Bewahre uns Gott, behüte uns Gott, sei mit uns auf unsern Wegen“
Von dem Gotteshaus Abschied nehmen bedeutet auch von lieb und wichtig gewordenen Plätzen innerhalb des Gebäudes Abschied zu nehmen. Das Gottesdienstteam hat dafür Rosen vorbereitet, die an alle verteilt werden, um sich von dem Ort, der Stelle in der Kirche, die einem besonders wichtig war Abschied zu nehmen und sie mit dem Ablegen der Rose zu würdigen. Für viele war es die Kirchenmusik und so liegen die Rosen an der Orgel. Andere bestücken die Stufen zum Altarraum oder den Altar mit der Bibel und dem Kreuz und nebenan das Taufbecken. Aber auch einzelne Plätze und der Mittelgang durch die Kirche wird mit Rosen gewürdigt.
Entwidmen bedeutet auch das Ausziehen der liturgischen Gegenstände, die den Sakramenten und den gottesdienstlichen Handlungen dienen. Und so wurden die Altarbibel, das Altarkreuz, das Abendmahlsgeschirr, die Antependien und die Taufschale in einer Prozession aus der Kirche getragen, die in der Christuskirche am Roden ihren Platz finden werden. Der Prozession schloss sich die Gemeinde an und versammelte sich draußen auf dem Kirchplatz, wo die Schlüsselübergabe stattfand.
„Vertraut den neuen Wegen, auf die der Herr uns weist“
Johannes Schulte, Vorsitzender des Presbyteriums, hatte eigens dafür einen besonderen Schlüsselanhänger entworfen. Auf ihm ist ein Detail der Kathedrale von Santiago de Compostela, ein spezielles Christusmonogramm (Chrismon) zu sehen. Anders als üblich ist hier die Reihenfolge der griechischen Buchstaben Alpha und Omega (Anfang und Ende) vertauscht. Johannes Schulte bezog dieses Bild bei der Schlüsselübergabe auf den Ausgang aus der Kirche, aus dem Gebäude und dem Beginn im Dorfgemeinschaftshaus unter der Führung Jesu Christi als guten Weg auf etwas Neues hin, wie auch im Ps. 121,8. Und er führte an: „So sehr uns der Abschied von unserer Kirche schmerzt, tröstet uns die neue Bestimmung. Unsere Kirchengemeinde ist selbst Mitglied im Förderverein geworden.“ Dann übergab er den Schlüssel an Dirk Graewe, dem Vorsitzenden des Fördervereins, der dem Presbyterium und der Gemeinde für die gute Zusammenarbeit dankte, die auch in Zukunft Bestand haben soll.
Den Abschluss des Gottesdienstes vollzog dann Pfr. Bernd Neuser mit der Bitte um den Segen draußen vor der Kirche. Den sprach er den versammelten Menschen zu und erbat den Segen auch für den Auszug und den Neuanfang.
Um noch eine Zeit miteinander zu verbringen und die Erlebnisse miteinander zu teilen, hatte das Vorbereitungsteam Tische mit heißen Getränken unter dem Vordach der Kirche aufgebaut, mit denen die Gemeinde dem widrigen Wetter noch eine gemeinsame Zeit zum Austausch und ersten Zukunftsplanungen abtrotzte.
Text und Fotos: Bernhard Laß







